Migräne und Hautausschlag verstehen.
Nach sehr langem zögern, sage ich folgenden Satz ganz vorsichtig, und hoffe, dass ich verstanden werde: „Entschuldige bitte, ich setze mich ein Stück weiter weg. Ich bekomme von starken Düften Kopfschmerzen und manchmal sogar richtige Hautausschläge.“
Die Person gegenüber schaut irritiert und es kommen immer wieder die gleichen Antworten zurück:
„Das ist doch ein ganz natürliches Parfum.“
Ein anderer mischt sich ein:
„Ich rieche gar nichts. Das bildest du dir nur ein.“
Mit der Zeit beginnt man an sich selbst zu zweifeln.
Ist es wirklich wahr oder bilde ich es mir ein?
Bin ich zu empfindlich?
Doch wer sich die Zahlen anschaut, erkennt schnell: Es ist keine Einbildung. In einem Epikutantest reagieren etwa 5 % der getesteten Menschen in Deutschland, Österreich und Schweiz allergisch auf Duftstoffe* auf den Duftstoffmix I. Doch die Dunkelziffer ist hoch.
In Hautarztpraxen gehören Duftstoffe seit Jahren zu den häufigsten Kontaktallergenen.
Auch Multiple Chemical Sensitivity, kurz MCS betrifft die Bevölkerung. Die Symptome sind real und immer mehr Menschen sind belastet.
Meine persönliche Erfahrung mit Duftstoffen
Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem ich einen Raum betreten habe, der frisch gereinigt war. Es roch nach Frische und Sauberkeit.
Für einen Moment dachte ich, wie angenehm.
Und dann kam dieser Druck im Kopf. Die Haut begann zu kribbeln. Am Abend lag ich mit Migräne im Bett und fragte mich, was los ist.
Vielleicht kennst du das auch?
Dein ganzer Körper juckt, obwohl du gerade frisch geduscht bist.
Du bekommst Migräne ohne erkennbare Ursache.
Dir wird plötzlich speiübel bis zum Erbrechen.
Diese Rückmeldung einer Betroffenen lässt uns aufhorchen.
„Ich habe eine Duftstoffallergie. Es geht nicht allein um die Duftstoffe, die ich benutze. Die Duftstoffe fliegen. Wenn ich an jemandem vorbeigehe, der etwas benutzt, das ich nicht vertrage, bekomme ich sofort einen Ausschlag. Das ist leider ein sehr großes Problem.“
Und genau hier wird sichtbar, wie belastend diese Form der Empfindlichkeit sein kann. Während andere nichts bemerken, reagiert der Körper sofort. Mit Hautrötungen, Juckreiz, Brennen oder Quaddeln. Manche berichten von Kopfdruck, Atemproblemen oder Kreislaufreaktionen.
Viele ziehen sich dann zurück und vermeiden bestimmte Orte. Sagen Einladungen ab, an Tagen an denen ihnen die Düfte zu viel sind. Ihr soziales Leben wird eingeschränkt.
Wo verstecken sich Duftstoffe im Alltag
Duftstoffe sind heute nahezu überall enthalten:
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Waschmittel
- Geschirrspülmittel,
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Weichspüler
- Parfum
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Duschgel
- Flüssigseife
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Shampoo
- Deo
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Reinigungsmittel
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Raumdüfte
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Duftkerzen
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Müllbeutel
- Taschentücher
- Toilettenpapier
Über den Geruchssinn gelangen Duftstoffe direkt ins limbische System, also in den Teil unseres Gehirns, der Emotionen, Erinnerungen und Stressreaktionen steuert.
Das erklärt auch, warum Düfte so starke Gefühle auslösen können. Ein bestimmter Geruch kann uns sofort in eine Kindheitserinnerung versetzen oder ein Gefühl von Geborgenheit hervorrufen. Doch derselbe Mechanismus kann auch das Gegenteil bewirken.
Bei empfindlichen Menschen können intensive Duftstoffe das Nervensystem überreizen. Der Körper interpretiert den Reiz als Stresssignal. Stresshormone werden ausgeschüttet, das vegetative Nervensystem aktiviert sich und der Körper geht in eine Art Alarmmodus.
Die Folgen können sehr unterschiedlich sein: Kopfdruck, Migräne, Unruhe, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, schlecht durchatmen zu können. Manche Betroffene beschreiben auch ein starkes Bedürfnis, den Raum sofort zu verlassen.
Warum eine Duftstoffallergie oft lange unentdeckt bleibt
Eine Duftstoffallergie gehört zu den sogenannten Typ-IV-Allergien, auch verzögerte Kontaktallergien genannt. Das bedeutet: Die Reaktion tritt nicht sofort auf, sondern häufig erst Stunden oder sogar ein bis zwei Tage nach dem Kontakt mit dem Auslöser.
Genau das macht die Ursache so schwer erkennbar. Wer bekommt schon den Zusammenhang zwischen einem neuen Waschmittel, einem Parfum im Büro oder einem stark bedufteten Reinigungsmittel und einem Hautausschlag, der erst am nächsten Tag entsteht?
Viele Betroffene vermuten deshalb zunächst ganz andere Ursachen: trockene Haut, Stress, eine falsche Creme oder das Wetter. Doch der Körper reagiert oft auf einen Stoff, mit dem er bereits früher in Kontakt gekommen ist. Das Immunsystem „merkt“ sich diesen Stoff und reagiert bei erneutem Kontakt mit einer Entzündung der Haut.
Typische Symptome einer Duftstoffallergie:
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Rötungen
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Ekzeme
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aufgerissene Haut
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Juckreiz
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brennende Augen
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Kopfschmerzen
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Migräne
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Übelkeit
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in schweren Fällen Kreislaufreaktionen bis zur Bewusstlosigkeit.
Selbst natürliche Düfte schützen nicht automatisch vor Reaktionen.
Natürliche Düfte stammen oft aus reinen ätherischen Ölen, die meist durch Dampfdestillation aus Pflanzen gewonnen werden. Doch auch sie bestehen aus hochaktiven natürlichen Duftstoffen, auf die empfindliche Menschen reagieren können.
Und nicht nur verarbeitete ätherische Öle können Beschwerden auslösen. Selbst Düfte, die direkt von der Pflanze ausgehen, etwa beim Riechen an einem Lavendel- oder Rosenstrauß, können bei sensiblen Menschen Reaktionen hervorrufen.
Gleichzeitig dürfen wir differenziert hinschauen:
Natürliche Düfte können auch positive Wirkungen haben. Je nach Pflanze werden ihnen beruhigende, stimmungsaufhellende, klärende oder befreiende Eigenschaften zugeschrieben. Lavendel wird zum Beispiel oft mit Entspannung verbunden, Zitrusdüfte mit Frische und Anregung, Rose mit Wohlbefinden und innerer Ruhe.
Entscheidend ist jedoch immer die individuelle Verträglichkeit.
Was für den einen wohltuend ist, kann für den anderen bereits zu viel sein. Deshalb gilt auch bei natürlichen Düften: nicht romantisieren, sondern bewusst und achtsam damit umgehen.
Unterschied zwischen Duftstoffallergie und MCS
Im Zusammenhang mit starker Empfindlichkeit fällt oft der Begriff Multiple Chemical Sensitivity, kurz MCS.
Warum MCS oft schwer erkannt wird
Multiple Chemical Sensitivity (MCS) wird noch immer häufig übersehen. Ein Grund dafür ist, dass die Erkrankung vielen Ärzten wenig bekannt ist und sich mit klassischen Allergietests oft nicht nachweisen lässt. Betroffene erleben deshalb nicht selten eine lange Ärzteodyssee, bevor ihre Beschwerden ernst genommen werden.
Bei MCS wird vermutet, dass bestimmte chemische Stoffe im Körper oxidativen Stress auslösen. Das bedeutet, dass das Entgiftungssystem des Körpers überlastet wird und dadurch entzündliche Prozesse in den Zellen entstehen können. Diese sogenannten chemischen Entzündungen können langfristig zu chronischen Beschwerden führen.
Da MCS keine klassische Allergie ist, zeigen herkömmliche Tests wie Prick- oder Epikutantests häufig kein Ergebnis. Genau das macht die Diagnose so schwierig.
Multiple Chemical Sensitivity beschreibt eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber verschiedenen chemischen Substanzen, nicht nur gegenüber Duftstoffen. Synthetische Substanzen finden sich in Lebensmitteln, in Waschmitteln und in Körperpflegeprodukten wieder.
Dazu gehören:
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Parfum
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Waschmittel
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Lösungsmittel
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Weichmacher
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Farben und Lacke
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Zigarettenrauch
- Spülmaschinentabs
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Autoabgase
Typische MCS Symptome:
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Migräne
- Müdigkeit
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Schwindel
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Atembeschwerden
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Herzklopfen, Herzrythmusstörungen
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Übelkeit, Bauchschmerzen
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Erschöpfung, Konzentrationsstörungen
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Brain Fog
Brain Fog beschreibt einen Zustand geistiger Benommenheit.
Man findet Worte nicht, vergisst Dinge, fühlt sich wie neben sich.
Das Nervensystem steht unter Daueranspannung und fährt die kognitive Leistung herunter, um sich zu schützen.
Duftstoffallergie bei Kindern erkennen
Kinder können ihre Symptome oft noch nicht klar benennen.
Stattdessen zeigen sie:
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Reizbarkeit bis zur Aggression
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Unruhe
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Rückzug
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Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen ohne klare Ursache
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Konzentrationsprobleme
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starke Reaktionen auf Gerüche
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Schlafprobleme
Das kindliche Nervensystem ist noch in Entwicklung. Dauerhafte Reizüberflutung durch stark beduftete Kleidung oder Klassenräume kann eine Belastung sein.
Wichtig ist jedoch: Nicht jedes unruhige Kind hat MCS. Aber wenn Symptome regelmäßig im Zusammenhang mit Gerüchen auftreten, lohnt sich ein achtsames Hinsehen.
Folgende Schritte haben meinen Alltag mit meiner Duftstoffsensibiltät extrem erleichtert.
1. Duftstoffe im Waschmittel vermeiden
Ein duftfreies Waschmittel ist oft der erste entscheidende Schritt.
Kein Weichspüler. Keine Duftperlen. Kleidung speichert Duftstoffe tagelang.
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2. INCI Listen lesen
Begriffe wie Parfum, Fragrance oder Aroma weisen auf synthetische Duftstoffe hin. Je kürzer die Zutatenliste, desto besser.
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3. Reize reduzieren
Nach öffentlichen Veranstaltungen plane ich bewusst Ruhepausen ein. Mein Nervensystem braucht Erholung.
4. Eigene Duftinsel schaffen
Manche Betroffene nutzen reine ätherische Öle, die sie gut vertragen, um einen vertrauten Duft bei sich zu haben. Ich gebe mir davon einen Tropfen unter die Nase oder in ein Stofftaschentuch, das ich immer bei mir habe.
5. Offen kommunizieren
Viele Menschen reagieren verständnisvoll, wenn man erklärt, warum man kein Parfum oder After Shave an diesem Tag verträgt.
Es gibt tolle Menschen, die Mitgefühl haben.
Für viele Menschen bedeuten Duftstoffe Frische und Wohlbefinden. Für andere bedeuten sie Migräne, Atemnot oder tagelange Erschöpfung.
Umso wichtiger ist es, dass wir beginnen, darüber zu sprechen und mit Verständnis zu handeln.
Dafür bin ich dankbar
Es gibt auch verständnisvolle Menschen, die bewusst auf ihr Lieblingsparfum verzichten, wenn wir uns treffen.
Das bedeutet Wertschätzung, mit solchen Menschen umgebe ich mich gerne, denn sie sind achtsam im Umgang mit ihren Mitmenschen. Dafür bin ich von Herzen dankbar.
Manchmal beginnt echte Veränderung nicht in der Politik, sondern bei kleinen bewussten Entscheidungen im Alltag.
Quellen:
IVDK, SCCS EU-Kommission, Steinemann et al., Deutsches Ärzteblatt
*Allergie Informationsdienst https://www.allergieinformationsdienst.de/aktuelles/news/artikel/duftstoffallergie-wie-haeufig-ist-diese-kontaktallergie-wirklich
Brain Fog: https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/81219/file/81219.pdf
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/duftstoffe-koennen-krank-machen-139800/
https://www.daab.de/atemwege/duftstoffe-als-ausloeser/raumbeduftung
https://www.mcs-cfs-initiative.de/erkrankungen/mcs/
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0306453018312125
Bild ist KI generiert